Das tägliche Training - Eine Einführung in unsere Praktika

 

 

Bekanntlich ist die Praxis der beste Lehrmeister. Man kan jedoch versuchen, im Laufe des täglichen häuslichen Trainings das Gehirn an selbständiges Denken zu gewöhnen, im gewissen Sinne der Praxis näherzubringen.

 

Diese Trainingsmethode besteht darin, daß wir eine Position im Geiste weit und präzise in allen Varianten durchrechnen, ohne dabei die Züge auf dem Brett auszuführen.  Man kann auch  dabei die Bedenkzeit begrenzen, indem wir die Schachuhr einschalten (Imitation der Turnierpraxis!).

 

Bei diesem Training ist es wichtig, sehr konzentriert zu denken ( auch die eiserne Konzentration stärkt man mit ständigem Training! )

Nicht schlaff, gelangweilt den Blick über Brett gleiten lassen und zu denken:" Wenn ich den Zug nicht sofort finde, schaue ich einfach nach der Lösung!" Nein, stellen Sie sich vor, es sei, sagen wir, die Entscheidungspartie um die Weltmeisterschaft !!!!

 

Um die Fähigkeit zu entwickeln, blitzschnell eine Stellung zu beurteilen, versuchen Sie, vor dem Lösen die Position abzuschätzen.

Bei einer solchen Abschätzung muß man sich folgende Fragen stellen und dabei versuchen sie zu beantworten:


1. Ist das Kräfteverhältnis gleich ? Falls nicht - welche Kompensation liegt für das Fehlende Material vor ?


2. Wie ist die Bauernstellung? Weist die Stellung schweche Punkte auf ?


3. Sind die Figuren aktiv postiert?


4. Ist die Position der Könige sicher?


5. Wer hat räumlichen Vorteil ?


6. Wie steht's mit den Tempi?( Das bezieht sich besonders aufs Eröffnungsstadium und auf scharfe Angriffe.)

 

Wenn Sie die Antworten auf diese Fragen finden, ist es Ihnen schon gelungen, eine statische Abschätzung der Position zu erlangen. Das wiederum erlaubt Ihnen, die Richtschnur für Ihre Handlungen zu finden.

 

In diesem Falle arbeitet Ihr Gehirn weiter und beginnt konkret, die dynamischen Möglichkeiten der Stellung herauszuschälen. Sie fangen an, im Geiste die Varianten zu berechnen und die entstandene Stellung (wiederum in Kopf) abzuschätzen. Dann erst entschließen Sie sich, ob es sich lohnt, sich auf diese oder jene Variante einzulassen.

 

Das hört sich vielleicht kompliziert an, ist aber nicht so schlimm, weil der Gedankengang blitzschnell vonstatten geht und oft Merkmale derart schroff herausragen, daß ein weiteres Fragestellen unnütz ist. Bei der Abschätzung fällt z.B. oft die exponierte Stellung des Königs auf, und sofort treten die anderen statischen Eigenarten an den zweiten Platz.


Oder Sie bemerken im Lager des Gegners einen schwachen Bauern. Wie Sie sehen werden, soll man den schwachen Punkt im gegnerischen Lager angreifen; darum wendet sich Ihr Augenmerk auf den schwachen Bauern, und die übrigen Positionsmerkmale treten
etwas in den Hintergrund.

 

Es ist eindeutig, daß Sie beim konkreten Variantenrechnen die Antwort herausfinden müssen: "Was droht mir ? Welche Drohungen, Angriffe stehen mir selbst zur Verfügung?"

 

Bei dieser Arbeit muß unser Gehirn trainiert sein, die konkreten Möglichkeiten zu erkenen, die Position ( oft sind es mehrere

Abzweigungen) im Geiste sich vorzustellen, unentwegt zu analysieren. Die Fähigkeit der Taktik und der Analyse zu fördern, stellen wir uns in unseren Praktikum zur Aufgabe.

Verzweifeln Sie nicht, falls Ihnen das Lösen Schwierigkeiten macht - manche Stellungen sind kompliziert. Viele bringe ich ohne didaktische Erläuterungen. Aber ebenso wie manche Grobiane dem Anfänger das Schwimmen beibringen, indem sie ihn einfach ins Wasser werfen, möchte ich auf diese Art "das Schwimmen" auf dem Gebiet der Schachtaktik und Analyse lehren.

 

Meine Trainerarbeit hat mich überzeugt, daß das Nachschlagen nach der Lösung, auch nach erfolglosen Versuchen, tiefen Eindruck hinterläßt und die schöpferische Entwicklung fördert.

 

Gewöhnlich ist angegeben, wer am Zuge ist. Ob ein Remis oder der Gewinn zu entdecken ist, finden Sie bitte selbst heraus.


Während  der Partie steht Ihnen kein raunender Weihnachtsmann zur Seite, der vorsagt: "Hier ist nur ein Remis herauszuholen, hier kannst du auf Gewinn spielen!"