Die schnelle Entwicklung der Figuren

 

 

Vor Beginn jeder Schlacht ist es nötig, die Kräfte zu mobilisieren, die Armee einsatzbereit zu machen. Dies gilt auch beim Schach. Diejenige Seite, die sich schneller für die Schlacht rüstet, wird als erste zum Angriff kommen und den Sieg erringen. Umgekehrt kann jede Verzögerung diesbezüglich zu einer schnellen Niederlage führen. Genau aus diesem Grund ist die schnelle Entwicklung der Figuren eines der wichtigen strategischen Ziele der Eröffnung. Wie geht man nun dabei am besten vor?

Die Figuren lassen sich am schnellsten mobilisieren, wenn man die  e- und d-Bauern im Zentrum zieht. Anschließend können Springer und Läufer ins Spiel gebracht werden. Türme sind am stärksten, wenn man sie auf den offenen Linien plaziert und/oder den Zentrumslinien ( zur Bedeutung des Zentrums siehe Der Kampf ums Zentrum).
 
Das Konzept der Figurenentwicklung schließt den König nicht mit ein, denn dieser Stein ist etwas Besonderes. Er muß mit Hilfe der Rochade an einen sicheren Ort gebracht werden (siehe  Die Sicherheit des Königs). Und beeilen Sie sich nicht mit der Entwicklung der Dame. Bei einem schwachen Gegner kann ein Ausfall mit dieser Figur zuweilen zum Erfolg führen, wenn die andere Seite aber korrekt spielt, führt diese primitive Strategie nur zu Zeitverschwendung (im Schach wird Zeit bekanntlich in Zügen gemessen). Denn die Dame ist zwar die stärkste Figur, aber auch die anfälligste. Überstürzt in die Schlacht geführt, kann sie von weniger wertvollen Figuren des Gegners angegriffen und zum Rückzug gezwungen werden. Mehrere Züge mit derselben Figur - nicht nur mit der Dame - sind aber in der Eröffnung äußerst unerwünscht, da sie nicht die Entwicklung voranbringen.
 
Figuren sollten so schnell wie möglich auf aktive Positionen entwickelt werden. Anfänger ziehen zu Partiebeginn gern die Randbauern, und auch dies ist in der Eröffnung ein unverzeihlicher Zeitverlust. R. Spielmann lehrte: "Gehe mit Bauernzügen in der Eröffnung sorgsam, ja geizig um, und verfolge nur drei grundsätzliche Ziele: Entwicklung, Entwicklung und Entwicklung!" (mehr zum Einsatz von Bauern unter Die effiziente Verwendung der Bauern).
 
Streben Sie nicht nach Materialgewinn, wenn dies Ihre Entwicklung verlangsamt. Capablanca riet, gegnerische Opfer in der Eröffnung nur dann anzunehmen, wenn die eigene Figurenentwicklung dadurch höchstens um zwei Tempi verzögert wird.
 
Auch der Gegner strebt danach, seine Kräfte so schnell wie möglich ins Spiel zu bringen.  Deshalb ist es wichtig, sich nicht nur um die eigene Figurenentwicklung zu kümmern, sondern auch den Gegner an der seinigen zu hindern. Zu diesem Zweck greifen Schachspieler zuweilen sogar zu Figurenopfern.

Alles oben Gesagte läßt sich in den folgenden sieben Regeln zusammenfassen:
1. Mache nicht mehr als zwei oder drei Bauernzüge (ziehe dabei zuerst die Zentrumsbauern)
2. Entwickle so schnell wie möglich deine Läufer und Springer.
3. Deine Figuren sollten die Zentralfelder besetzen oder attackieren.
4. Ziehe nicht zweimal mit derselben Figur, wenn du davon nicht direkt profitierst.
5. Gehe nicht auf Bauernjagd, wenn dies die Entwicklung deiner Figuren nicht voranbringt.
6. Beeile dich nicht damit, deine Dame herauszubringen, bevor der König rochiert hat.
7. Entwickle deine Figuren so, daß sie die gegnerische Entwicklung behindern.
 
Natürlich gelten diese Regeln immer unter Vorbehalt (zum Beispiel gibt es viele Eröffnungen, in denen die Zentrumsbauern zu Beginn überhaupt nicht ziehen), aber sie werden Ihnen helfen, ärgerliche Fehler in der Eröffnung zu vermeiden und sich gut für das Mittelspiel zu rüsten. Und wenn Sie diese Regeln beherrschen, werden Sie auch die Ausnahmen besser verstehen lernen!
 
Und jetzt wollen wir ein paar lebhafte Beispiele betrachten, in denen eine Seite diese Regeln befolgte, die andere sie aber einfach ignorierte.

 

 

 

     Shletzer - Chigorin,M  0-1
    Boleslavsky,I - Gurgenidze,B  1-0