A 87 Leningrad-Holländer

 

 

Als die 19. Partie zwischen Tal,M - Botvinnik,M  1-0 im ersten Weltmeisterschaftskampf zwischen Botvinnik und Tal gespielt wurde, waren die Dinge für den amtierenden Weltmeister, der bereits mit 3 Punkten zurücklag, schrecklich schief gegangen. Das ist eine mögliche Erklärung für die Entscheidung des Herausforderers, von seinem üblichen 1.e4 zugunsten des solideren 1.c4 abzuweichen.

Überrascht reagierte Botvinnik mit 1...f5, ein Zug, der ihm etliche Jahrzehnte zuvor gute Dienste geleistet hatte, aber den er vor dem Wettkampf eine ziemlich lange Zeit nicht angewandt hatte. Tal gestand nach dem Wettkampf, dass er angenommen hatte, sein Gegner würde die von ihm geliebte Stonewall-Struktur anstreben, und deshalb entschied sich Tal, den  Bauern d2 eine Weile auf seinem Ausgangsfeld stehen zu lassen, um die Möglichkeit zu d3 und e4 zu bewahren. Doch die Überraschungen gingen mit Botvinniks drittem Zug, 3...g6, weiter: "Der Patriarch" hatte den Leningrader nie zuvor in einer offiziellen Partie angewandt!

Als schließlich die wichtigste Tabyia des Systems erreicht war,

 

 

spielte Botvinnik den sehr seltenen Zug 7...e6 anstelle des damals üblichen 7...c6 oder 7...Sc6 (die Vorzüge des jetzt modernen 7...De8 wurden erst Jahrzehnte später entdeckt). Die Partie nahm bald einen originellen Verlauf und Tal gelang es schließlich, seine bessere Form erneut unter Beweis zu stellen und damit baute er seine Führung im Wettkampf beinahe entscheidend aus.

Das Ergebnis dieser Partie scheint Spitzenspieler offenkundig davon abgehalten zu haben, die theoretische Diskussion dieser experimentellen Variante weiter zu führen. Der Einzige,  der die versteckten Vorzüge des 7. schwarzen Zuges verstand, scheint der Gewinner der Partie und des Wettkampfs gewesen zu sein; tatsächlich wandte Tal diese Variante acht Jahre später an,  am Ende einer Sowjetischen Meisterschaft, bei der er nicht besonders gut im Rennen lag und genau wie Botvinnik 1960 um jeden Preis mit Schwarz gewinnen musste, um Chancen auf eine Medaille zu bewahren. Tal erhielt eine vollkommen befriedigende Stellung aus der Eröffnung (Podgaets,M - Tal,M  ½-½) und ging bald einer Zugwiederholung aus dem Weg, obwohl er das Remis schließlich nicht vermeiden konnte.

Und dennoch blieb dies lange Zeit eine vereinzelte Episode und das ganze System fiel wieder der Vergessenheit anheim. Jahrzehnte scheinen die Leute den Umstand ignoriert zu haben, dass dieser Zug, der von zwei Weltmeistern mit solch unterschiedlichen Stilen gespielt wurde, nur reich an strategischem und taktischem Inhalt sein konnte.