C 50-54 Die Italienische Partie

 

Die Italienische Partie ist eine der ältesten Eröffnungen der Schachgeschichte. Erstmalig ist sie in der "Göttinger Handschrift" (1490) erwähnt. 1512 hat der Portugiese Damiano in Rom das erste Schachbuch in italienischer Sprache veröffentlicht. "Questo libro e da imparare giocare a Schacchi et de li Partiti" beschäftigt sich unter anderem auch mit der Zugfolge 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5. Etwa um dieselbe Zeit befassten sich mit ihr auch einige italienische Autoren, weshalb sie den Namen "Italienische Partie" erhielt. Aber auch in anderen Ländern Europas beschäftigen sich Schachspieler mit dieser Zugfolge. So wird die Eröffnung beispielsweise in der Schrift des Spaniers Luis Ramirez de Lucena beschrieben.

 

 

Greco Gioacchino Analyse

 

 

 

 

Die ersten ausgiebigen Untersuchungen der Italienischen Partie veröffentlichten Polerio (1590) und später der Kalabrese Gioacchino Greco (1619). Diese Publikationen stellten einen wertvollen Beitrag zur Theorie dieser Eröffnung dar und förderten ihre weitere Entwicklung. Relativ genaue Analysen sind in der Abhandlung von Lolli, "Osservazioni Teoretico Practiche Sopra il ginoco degli Scacchi" (Modena 1763) zu finden.

Lange Zeit herrschte die Meinung vor, dass der weiße Angriff im Italienischen äußerst gefährlich und die Verteidigung gegen ihn unheimlich schwer ist. Später ist es jedoch gelungen, Wege zu entdecken, die es Schwarz ermöglichen, der weißen Initiative erfolgreich Widerstand zu leisten.

In unserer Zeit war es kein Geringerer als Max Euwe, der auf die interessanten Möglichkeiten dieser Eröffnung aufmerksam machte und Schachspielern ihren Gebrauch empfahl. Wie sich der spätere Weltmeister äußerte, entstehen nach 4.c2-c3 und nachfolgendem d2-d4 scharfe Situationen, in deren Keim sich die Energie der bevorstehenden Explosion anhäuft.

Die Italienische Partie ist also eine zweischneidige Eröffnung, die den Kampf um die Initiative vor allem auf taktischem Wege sucht. Den meisten Varianten liegt die Idee zugrunde, ein mächtiges weißes Bauernzentrum zu errichten, um danach den schwächsten Punkt im schwarzen Lager - das Feld f7 - anzugreifen. Weiß scheut schon im Anfangsstadium der Partie keine Verluste, opfert bereitwillig Bauern, mitunter sogar Figuren, nur um den Gegner in der Entwicklung zu überholen und die Initiative an sich zu reißen. Die Vielzahl von Angriffs- und Gegenangriffsmöglichkeiten macht die Italienische Partie für viele Schachspieler attraktiv, weil ihre regelmäßige praktische Anwendung die Kombinationsfähigkeit des Schachspielers fördert.

In der fünf Jahrhunderte andauernden Geschichte dieser Eröffnung geschah des öfteren eine grundsätzliche Umbewertung der wichtigsten Varianten. Auch im 20. Jahrhundert ist dies nicht anders gewesen. In seinem Werk, "Theoretische Abhandlung über die Italienische Partie", Berlin 1924, behauptete der deutsche Theoretiker A. Ritzen, dass der weiße Angriff dem Anziehenden unbedingt Vorteil einbringt. Der Verfasser ging sogar so weit, den schwarzen Zug 3...Lc5 mit einem Fragezeichen zu versehen. Diese Bewertung ist 1925 von dem prominenten sowjetischen Großmeister Grigori Löwenfisch widerlegt worden. Einen wichtigen Beitrag zur weiteren Entwicklung der Theorie leistete der sowjetische Theoretiker Sek. Als Ergebnis seiner Arbeit erfolgte eine Neubewertung mancher Variante. Eines der wichtigsten deutschsprachigen Werke ist "Die Italienische Partie" von Jakow Estrin aus dem Jahre 1984.

Allein der Umstand, dass beinahe alle Weltmeister in ihrer Praxis von dieser Eröffnung Gebrauch machten, zeigt, dass die Italienische Partie im Laufe der Jahrhunderte nichts von ihrer Attraktivität eingebüßt hat. Schachtheorie ist ein nie endender Prozess. Tag für Tag finden auf der ganzen Welt etliche Partien statt, die unser theoretisches Wissen erweitern. Diese Eröffnung spiegelt wie kaum eine andere die Entwicklung des Schachspiels selbst wieder. Deshalb ist die Italienische Partie als Einstieg in die spezielle Eröffnungstheorie bestens geeignet. Jeder gut ausgebildete Schachspieler soll in seiner persönlichen Vervollkommnung die Entwicklung des Schachspiels nachempfinden.

Im Zeitraum von über 500 Jahren haben unzählige Spieler, Analytiker und Schachautoren die Italienische Partie bereichert und weiterentwickelt. Dennoch hat sie nichts von ihrem Reiz eingebüßt. Es kann sich sowohl ein scharfer taktischer Kampf als auch eher ruhige positionelle Stellungen ergeben.

Deshalb ist diese Eröffnung für alle Schachspieler und alle Trainer so wichtig!

Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass es falsch wäre, die beschriebenen Fortsetzungen und Zugfolgen rein mechanisch auswendig zu lernen. Viel wichtiger ist es, die Idee dieser oder jener Variante zu erfassen, sie kritisch zu durchdenken. Nur in diesem Fall ist eine echte Steigerung der Spielstärke möglich.

Wir beginnen unsere Untersuchungen über die Italienische Eröffnung mit der bereits angesprochenen Analyse von Gioacchino Greco.  Sie enthält wichtige strategische und taktische Erkenntnisse und ist darüber hinaus im Hinblick auf die allgemeinen Eröffnungskriterien Entwicklung der Figuren, Kampf um das Zentrum und die Sicherung des Königs sehr lehrreich. Ich empfehle, die Partie mehrfach gewissenhaft durchzuspielen und sich die wichtigsten strategischen und taktischen Motive gut einzuprägen.